Chaplin’s World

Bekanntlich schaue ich mir das an, was am Wegrand liegt und ich finden kann. Chaplin’s World, brauner Wegweiser, seit Tagen Regenwetter inklusive Novembernebelschwaden. Wenn es weint vom Himmel, hüllt sich der Genfersee gehorsamst in Trauer trotz Ende April.

Ich versuche mich auf dem Tablet klug zu machen, nein ich brauche weder ein open date Billette noch eine Familienkarte, 60 Millionen SFr. wurden verbaut, Eröffnung 2016, ich wappne mich für einen Grossanlass, der obwohl es noch nicht Mai ist, bereits morgens die Tore geöffnet hat.

Ich fahre zu früh hin, beobachte wieviele Menschen sich interessieren, ich habe meinen Elektrorollstuhl nicht zurück und renne von einem Stuhl zum nächsten, Sesselitanz fürs Alter.

Wie ich rein will, Platzregen, die Kasse ist draussen, ich werde trotz Jacke nass und friere. In 10 Minuten hat es eine Filmvorführung, bis dahin leider keinen Stuhl, ich leihe mir einen mit Rollen beim Einlasspersonal: 60 Millionen und keine Stühle für Alte und Behinderte, das kann heiter werden.

Der Film, eine filmische Kurzzusammenfassung von Chaplins Leben, ist lustig und ich bewundere sein Bewegunsgenie. Dann geht vorn ein Vorhang auf, das Publikum ist eingeladen, hineinzuschlendern in eine Filmkulisse. Das verstehe ich und maschiere los, Filmwelt, super, schon immer hätte es mich interessiert, ein Filmstudio anzuschauen, geschafft habe ich es noch nie.

Ein Stock, zwei Stockwerke, ich find den Lift und den Behindertenwc und KEINEN AUSGANG, noch irgendeinen Besucherstrom, der mich in die richtige Richtung mitschwemmt. Chaplin war schon immer ein Witzbold, ich suche Personal: Wie kommt es bloss, dass ich nicht auf die Idee kam, die POLIZEISTATION ZU BETRETEN? Die führt in die Bank und dort geht es weiter zu einem nächsten Lift und zum Ausgang.

Ich kugle mich innerlich vor Lachen, die Police station betrete ich nicht freiwillig, ich habe meine Prinzipien.

Hunger, Durst, 11 Uhr, ich gehe wieder durch Regen ins Cafe, ein frühes, warmes Mittagessen wäre mir bequem. Bis auf zwei unerzogene Jungs alles ruhig, Menu des Tages Quiche mit viel Salat. mal was Anderes, Frites wachsen mir längst aus den Ohren.

Da ist noch das Wohnhaus. Ich beschliesse nur einen kurzen Blick zu werfen, nach dem Montmuseum in Le Locle bin ich verwöhnt und vergleiche alles sowieso mit Burgistein.

So ist es denn auch: Das Inventar ist hübsch, aber nicht erlesen nach meinem Geschmack bis auf Porzelanreiter und ebensolche Soldaten. Die grosse Familie wird vorgestellt, ein Sohn sticht massiv hervor, Michael, nun, der hat den Bau des Museums geleitet, offenbar keine Scheu vor Selbstlob. Man nimmt sich wichtig und Wicki korrigiert die allgemein anerkannte Erfolgsgeschichte der vielen Kinder, die Schweiz als Sonderfall und ich daran nur mässig interessiert.

Spannend für mich das Filmschaffen, die Herzlichkeit des alten Mannes zumindest auf den präsentierten Filmen mit seinen Kindern, die einen herausragend berühmten Vater haben, was nicht nur Vorteile bringt.

Zwei Weltkriege, die Vertreibung aus den USA, nichts hat Chaplins Lachen stoppen können, weil er sich mit allen Niederungen der Menschen auseinandergesetzt hat und beschloss: Lasst und fröhlich sein, nicht weil es lustig ist, aber wir werden traurig, wenn wir nicht lachen.

Pfarrerin und Clown, vor die Leute treten, Mut machen, weil es so unendlich wichtig ist. Russland spricht immer öfters vom WK III. Die Zeiten verändern sich rapide zu unsicher. Themen werden entsorgt, die vor kurzem noch Furore machten, Selbstverteidigung wird an die Oberfläche gespült und der Hunger noch nicht offiziell in der Schweiz, aber die Ukraine hat 20% weniger Getreide anbauen können von Russland sind mir keine Zahlen bekannt.

Am Leben sein zu dürfen, etwas festen zu können zur Bögverbrennung nach zwei Covidjahren, ich geniesse es, es ist nicht selbstverständlich, sagt eine Person ins Mikrofon von SRF 1.

Wie Recht sie hat, das wissen wir Behinderte mit Geburtsgebrechen ein Leben lang und niemand wollte es je hören: Leben können ist keine Selbstverständlichkeit, gesund leben können noch weniger und Menschen brauchen Atem, Trinken, Essen, einen Schutz gegens Klima und Kleider. Was wir nicht bekamen, aber die ukrainischen Flüchtlinge en Masse bekommen, ist ARBEIT. Die Leistungsgesellschaft definiert sich über das Vorhandensein von Arbeit und die dazugehörige Lohnsumme, in wenigen Wochen bin ich nicht mehr IV, sondern AHV und zurück zu einer Normalheit, wie ich sie 18 Jahre lang nicht gekannt habe.

DAS WIRD HEISSEN: ZURÜCK ZU NORMALITÄT, jetzt darf ich mich nach einer 18 jährigen Untersuchung mit der grössten Lupe, die sie haben, wieder anziehen und mit meinem Anwalt Ordnung machen und dazwischen Unsinn:

Lachen, LACHEN KÖNNEN UND DÜRFEN, WOHLWOLLENDES LACHEN UND NICHT DAS HÄMISCHE GRINSEN, LACHEN ERHEITERT DAS LEBEN UNGEMEIN.

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